Geschichte des Kindergartens in Deutschland

Die vorschulischen „nebenfamiliären Betreuungs- und Bildungseinrichtungen“ für Kinder entwickelten sich von einer „Bewahranstalt“ zur „Kleinkinderschule“ zum „Kindergarten“ und zur „Kindertagesstätte“.

vor 1840

Einzelne private oder kirchliche Initiativen zur Betreuung und Bildung von Kindern im Vorschulalter entstehen. Sie werden zunehmend gebraucht, weil Betreuungsnotstände entstehen, auf dem Land z.B. während der Erntezeit. Außerdem droht Kindern Vernachlässigung. Dies betrifft vor allem die Stadtkinder, weil deren Mütter in den neu entstehenden Fabriken arbeiten. Es handelt sich hierbei um „Bewahranstalten“, eine Betreuung mit pädagogischem Anspruch gibt es nicht.
Dazu kommen von Krankenschwestern geführte Kleinkinderpflege- und Handarbeitsschulen, in denen schulentlassene Mädchen unterrichtet werden.

ab 1840

Der Pädagoge Friedrich Fröbel „stiftet“ einen Kindergarten. Dieser ist nicht konfessionell gebunden.
Seine pädagogische Grundidee ist, dass der Kindergarten als eine „Modelleinrichtung“, ein „Spielort“ ist, in dem die Eltern den richtigen Umgang mit ihren Kindern erlernen können. Sein Ziel ist, dass die Kinder über die typisch kindliche Lebensform des Spielens auf das Leben vorbereitet werden. Dabei wird jedes Kind individuell betrachtet und gefördert.

Später entwickeln sich die Kindergärten der Fröbelbewegung teilweise zu Anpassungs- und Erziehungsanstalten, in denen die Kinder zu „folgsamen und unterwürfigen Bürgern gedrillt“ werden.

ab 1851

Fröbels Kindergartenidee wird als „sozialistisch“ angesehen, seine Kindergärten werden deswegen teilweise verboten. Zunehmend setzen sich konfessionell gebundene Kleinkinderschulen durch, in denen die christliche Erziehung – mit nicht immer altersangemessener Unterweisung in biblischen Geschichten – ein wichtiger Teil ist.
Zunächst werden Kleinkinderschulen größtenteils von Geistlichen geleitet, denen weibliche Hilfspersonen zur Seite stehen. Zunehmend übernehmen Ordensschwestern oder Diakonissen die Verantwortung und die Betreuung und somit die christliche Erziehung, Pflege und Bildung der Kinder. Daneben gibt es weiterhin auch außerkirchliche Institutionen.

In der Kaiserzeit (also bis zum 1. Weltkrieg) wird den Kindern in allen vorschulischen Einrichtungen der „Nationalgedanke“ vermittelt, z.B. mit Soldatenspielen und Soldatenliedern.

Anf. 20. Jahrh. bis ca. 1920

Eine Reformbewegung entsteht, die die schulisch-didaktische und geradezu militärische Erziehung verändern möchte. Das kindliche Spiel, auch Bewegungsspiele und bildnerische Tätigkeiten sollen wieder, wie von Fröbel eingeführt, im Vordergrund stehen. Die Kinder sollen „gelenkt“ werden, aber nicht „schulmäßig unterwiesen“ und es soll „keine Kritik an den Erzeugnissen kindlicher Tätigkeiten“ geübt werden.

Die meisten Einrichtungen sind hingegen christlich-konfessionell. Das „sittlich gute“ Verwahren von Kindern und ihre Erziehung zur Frömmigkeit sind deren vorrangige Ziele. Ein pädagogisches Konzept gibt es nicht. Kinder werden als
„prinzipiell sündhaft“ angesehen. Sie müssen diszipliniert werden, dabei spielen Strafen eine wichtige Rolle. In den Kinderschulen werden 3-6-jährige Kinder in gemischten Gruppen von etwa 70 Kindern von 2 Betreuungspersonen betreut.

ab 1920

Zunehmend werden auch in den konfessionellen Kindergärten pädagogische Ideen unter Rückbesinnung auf Fröbel wichtig. Außerdem finden Erkenntnisse aus der Entwicklungspsychologie, der Montessori- und der Waldorfpädagogik Eingang in die Kindergartenpädagogik.

1933 bis 1945

Die „nationalsozialistische Volkswohlfahrt“ erlangt ab 1935 offiziell die Aufsicht über alle Kindergärten. Zwei Drittel der konfessionell gebundenen Kindergärten verbleiben aber in kirchlicher Trägerschaft. Sie vollziehen in ihren Einrichtungen oftmals eine „Annäherung an die nationalsozialistischen Erziehungsideale“. So wird z.B. für die „Liebe zum Führer“ und um eine „Kämpfernatur“ gebetet.

nach 1945 bis in die 60er-Jahren

in Westdeutschland

Die Einrichtungen leiden sehr unter Raumnot, sodass es schwer ist, räumliche, personelle und somit auch pädagogische Mindeststandards zu erfüllen. Besonders in den zerstörten Städten gibt es sehr große Gruppen (bis zu 130 Kinder in einem Raum!), die oft in Baracken unterkommen. Die Kindergärten sind der „Disziplin und Ordnung und autoritären Strukturen verpflichtet“. Sie werden als Notlösung angesehen und sind gedacht für Kinder, deren „Mutter nicht bieten kann, was das Kleinkind braucht“. Die Kindergartenpädagogik knüpft pädagogisch nur in geringem Maß an die Reformideen aus der Zeit vor dem Nationalsozialismus an.

in Ostdeutschland

Hier entstehen überall Ganztages-Kindergärten, in denen die Kinder zu „sozialistischen Persönlichkeiten“ geformt werden sollen.

ab den 60er-Jahren

Kindergarten-Neubauten entstehen, die gewandelten Erziehungsgrundsätzen und kleineren Gruppengrößen Rechnung tragen. Es wird mehr Bildung der Kinder in den Kindergärten gefordert und auch praktiziert. Die Namensgebung „Erzieherin/Erzieher“ resultiert daraus. Mehr Männer sollen in den Beruf gehen.
Antiautoritäre Erziehung wird in (groß-)städtischen Kinderläden ausprobiert.

seit 1990

Alle vorschulischen Einrichtungen arbeiten nach einem pädagogischen Konzept. Alle Ansätze gehen davon aus, dass Kinder aktiv, kreativ, wissbegierig, vielfältig und kompetent sind. Seit 1996 gibt es den Rechtsanspruch auf einen Kindergartenplatz.

Immer wichtiger werden Ganztages-Kindergärten, die es beiden Eltern ermöglichen, berufstätig zu sein. Gleichzeitig werden auch in West-Deutschland immer jüngere Kinder – ab 8 Wochen – in Einrichtungen betreut. Damit wandelt sich die Rolle der Erziehenden erneut. Sie sind jetzt eingebunden in die frühen kindlichen Entwicklungsthemen wie: Krabbeln/Laufen, Sauberkeit und Sprechen.

Quelle: Manfred Berger: Geschichte des Kindergartens, Frankfurt am Main, 2016

Fazit:

Geschichtlich betrachtet wurden die Kinder in den vorschulischen Einrichtungen – je nach Zeitgeist und Träger der Einrichtung – auf ein bestimmtes Ziel hin erzogen: „folgsam und unterwürfig“, „sittlich gut“, „fromm“, „Kämpfernatur“, „sozialistische Persönlichkeit“, „anti-autoritär“ etc.
In deutschen Kindergärten geht es heute darum, die individuelle Entwicklung von kleinen Kindern zu begleiten und ihnen zu ermöglichen, sich als Teil einer Gruppe zu erleben.
Weltanschaulich geprägte Beeinflussungen spielen nur noch eine vergleichsweise geringe Rolle.

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